Geistliche Angebote



Von Pfarrerin Brigitte Schöne (Die Predigt wurde gehalten am 02.01.2022 in der Pauluskirche Lichterfelde)

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Bruder und Heiland Jesus Christus.

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

ein wichtiger Grundsatz in meinem Leben als Studentin in der DDR war: wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen!

Ich hatte - ich glückliche – eine winzige Wohnung über den Dächern Leipzigs, 110 Stufen waren zu erklimmen, um dorthin zu gelangen, der Ausblick war grandios und ich hatte mein eigenes Reich. Und wer zu mir kam, wer die 110 Stufen genommen hatte, den oder die, habe ich wirklich aller herzlichst begrüßt. Denn der Weg hätte auch umsonst sein können. Eine Klingel mit Gegensprechanlage wie heute gab es nicht, und so hätte die ganze Kraftanstrengung auch nur eine ungewollte sportliche Übung bleiben können. Und überhaupt: Auch ein Telefon gab es nicht. Verabredungen zu treffen, war also aufwendiger. Und folglich machten wir alle es so: Wir gingen einfach los - wenn es uns selbst gerade gut passte, wenn die Lust auf ein Widersehen groß war, die Sehnsucht vielleicht auch oder der Kummer. Wer zu mir kam, den oder die habe ich nie abgewiesen. Wer ist schon gern allein? Wer lässt sich nicht gern mal unterbrechen? Und wer weist ab, wenn jemand Kummer oder Freude teilen wollte? Ich jedenfalls nicht. Und die anderen taten es auch nicht. Auf keinen Fall, damals.

Später wurde das Leben anders und auch das mit der Tür und dem herzlichen „Hallo“, mit dem freundlichen Hereinbitten wurde anders: Als ich Anfang der 90-ziger Jahre hier in Berlin lebte und irgendwann mal eine West-Berliner Freundin besuchen wollte (weil ich gerade in der Nähe war und Lust hatte und Vorfreude auf ein Wiedersehen), machten wir beide eine irritierende Erfahrung. Sie, weil ich da einfach fröhlich stand und ich, weil sie aus der Fassung kam. Sie hatte mich nicht in ihrem Plan, also eigentlich keine Zeit, fühlte sich für mich unvorbereitet… ich störte, spürte es, fühlte mich sehr unwohl …. naja, es war eben doof. Sie können sich das vorstellen. Damals habe ich gemeint: Ist wohl typisch für die Wessis … Naja, bald wusste ich: das ist wohl eher typisch für Menschen mit langer Gewohnheit an ein Telefon und an andere technische Finessen im Alltag… jedenfalls habe ich damals beschlossen: In dieser Hinsicht bleibe ich Ossi und tue in alle Zukunft so, als gäbe es noch immer weder Telefon, noch Gegensprechanlage und auch keine übervollen Terminkalender. Und wer zu mir kommt, den werde ich immer fröhlich hereinlassen, mir wenigstens einen Moment Zeit nehmen, wahrnehmen, sehen, hören und einen besseren Termin ausmachen. Ich weiß nicht, ob mir das immer gelungen ist – ich fürchte: das ist es nicht. Nicht nur raffinierte Smartphone Einstellungen und Anrufbeantworter-Konstruktionen verhindern heute, dass Menschen mich einfach mal direkt erreichen…

Dabei bleibt es doch immer so: Ich, ja wir alle brauchen die Begegnungen und die Nähe und den Kontakt zum Leben. Wir brauchen sie, die geplanten und auch die ungeplanten Begegnungen. Die erwarteten und die unerwarteten. Wann, wenn nicht jetzt in diesen pandemiegeplagten Zeiten, haben wir diese Sehnsucht nach Begegnungen so intensiv gespürt. Wirkliche Begegnungen, nicht nur in Ton und Bild, sondern mit Haut und Haar, mit dem Duft und aller Körpersprachlichkeit, die wir so unterschiedlich haben. In diesen Begegnungen öffnen sich Räume, in denen wir uns gewärmt fühlen und stärker und sicherer, die Trost bereithalten und in denen sich Lichtblicke für die Zukunft eröffnen. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. – Wenn uns das gelingt (immer mal wieder, denn immer gelingt uns das ja tatsächlich nicht), dann öffnen wir uns für ein Gegenüber mit allem Drum und Dran. Wir öffnen uns auch für den ganzen Menschen mit allem, was er oder sie mitbringen an Themen, die ja eben nicht nur Glück und Freude sind.

Dieses gerade begonnene Jahr 2022 wird nun gesegnet mit einem biblischen Leitsatz, einem Losungswort, welches diesem Wunsch nach einem Gegenüber eine – ich will es erstmal so nennen – „himmlische“ Ausrichtung gibt. Diese Sehnsucht nach Raum für Begegnung und Nähe und Perspektive findet seine Antwort eben nicht allein in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen.

Gott selbst eröffnet Begegnungsräume.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“. – so sagt Jesus Christus, Gottes Sohn. Als Jahreslosung können wir dieses Wort im kommenden Jahr immer und immer wieder hören - damit wir gestärkt werden und uns geleitet fühlen und eine Orientierung haben. Damit wir immer wieder neu wissen: Hier ist jemand, der immer da ist und bereit für mich. Hier ist jemand, der Zeit hat und sich Zeit nimmt. Einer, der geben will, was er hat, für mich…damit ich wieder zurechtkomme, weitergehen und leben kann, damit Wunden behandelt und geheilt werden, damit ich das Leben lieben kann. Wir werden auch im neuen Jahr wieder viele Momente haben, wo wir uns wünschen, dass jemand einfach nur da ist, uns zuhört, uns hilft, mit Rat und Tat zur Seite steht, dass jemand einfach nur wahrnimmt, wer wir sind und was wir tun und was uns gelingt…

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“. Eine Tür also, an der wir klingeln, wird geöffnet werden. Darauf sollen wir immer wieder neu vertrauen, wenn wir ein Gebet sprechen oder mit der Bitte um Gottes Nähe nachdenken…wenn wir auf unsere je eigene Weise Jesus hineinnehmen in unser Leben, wenn wir mit Gott den Tag beginnen oder beenden. Wir sollen mit der Gewissheit durchs Jahr gehen: Zu Gott kann ich kommen – was immer auch passiert. Doch geht es nicht nur um die Tür, die hier geöffnet wird, wenn Jesus sagt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“. Eigentlich halte ich es lieber mit Martin Luther, der den griechischen Satz aus dem Johannesevangelium übersetzte mit „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“. Wenn Luther so übersetzt, macht er deutlicher, dass es sich um einen Raum handelt, um den es geht. Um einen Begegnungsraum mit Jesus, mit Gott.

Was Räume für Begegnung bedeuten, das haben wir im vergangenen Jahr wieder ganz neu erfahren. Diese Kirche hier ist wunderbar groß und lässt auch in pandemischer Lage noch viel Kommen, einander Sehen und einander Begegnen zu. Lässt Gottesdienste zu, wo anderenorts schon lange strenge Zugangsbeschränkungen greifen mussten. Uns in der Bachgemeinde geht das so mit unserer geliebten kleinen Kirche. Deshalb haben wir unsere letzten Konfirmationen hierher verlegt. Gott sei Dank, dass das möglich war, um den Jugendlichen und ihren Familien diesen Tag der besonderen Gottesnähe zu ermöglichen. Wir haben aber auch entdeckt, dass es nicht nur Kirchen sind, die Begegnungsräume für Gott und uns sein können. Gottesdienst unter freiem Himmel im Garten der Gemeinde – wie segensreich das sein kann, haben wir hier in unseren verschiedenen Gemeinden in Lichterfelde zahlreich gemacht. Und wir werden an dieser Erfahrung festhalten, das ist gewiss. In diesen - inzwischen oft auch digitalen – Räumen geschieht Begegnung mit Gott.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“, sagt Jesus und wir erfahren: Wer zu ihm kommt, ist in einem Raum des Heils, aus dem er nicht hinausgekickt wird. Nicht mehr. Nie mehr. Auch über die Grenzen von Zeit und Raum nicht. „Ich bin das Brot des Lebens“ sagt Jesus im Johannesevangelium. In diesem Begegnungsraum mit Jesus zu sein, schafft Leben in allen Widrigkeiten des Lebens. Was aber ist, wenn ich mich doch gegen alle Zusage ausgestoßen fühle aus diesem so fest zugesagten Beziehungsraum? Das Eine ist Jesu Zusage – das Andere das Erleben von Menschen. Was, wenn ich mich nicht mehr im Raum fühle? Wenn ich mich eben nicht nur abgewiesen, sondern regelrecht verwiesen fühle aus der Nähe zu Gott, die Heil bedeutet? Existentielle Bedrohungen, viele Leiderfahrungen lassen heftige Risse entstehen und die „lieblichen Wohnungen Gottes“ – wie es in den Psalmen heißt - werden zugig, unsicher, ja gar bedrohlich. Der Himmel stürzt einem auf den Kopf, die Burg scheint auf Sand gebaut und bricht wie ein Kartenhaus zusammen. Auch das sind ganz gegenwärtige Erfahrungen. Plötzlich ist man ohne Schutz und Schirm und es droht der Verlust der spirituellen Heimat oder auch die Flucht aus ihr. „Ich bin doch zu dir gekommen“ – mag jemand sagen – „warum fühle ich mich jetzt im Aus, ausgeschlossen, gar verstoßen aus dem Raum der Bewahrung?“

Unsere Jüdischen Geschwister haben diese Erfahrung mit Gott vielmals beschrieben; in der Bibel können wir es ebenso lesen wie in den Texten, geschrieben während und nach der Shoa. Wir können lesen, wie sie Gott alles klagen, ihn gar anklagen, mit ihm rechten…

Und wir lesen auch dieses verzweifelt trotzige „Dennoch“. „Dennoch bleibe ich fest bei dir“ heißt es im Psalm 73,23. In aller Entfernung gelingt im Klagen eine Nähe zu Gott, denn auch im Streit haben wir immer eine Beziehung zueinander. Brüche und Narben werden Teil der Gottesbeziehung. Auch wenn die Beziehung zu Gott belastet ist, weil die Lasten zu schwer sind - die Beziehung selbst bleibt. Von Gottes, von Jesu Seite sowieso. Man darf sich beschweren, wenn es zu schwer wird. Das allein kann von Lasten befreien und neue Wege zu und mit Gott eröffnen.

Ja, wie in vielen menschlichen Beziehungen gibt es in der Beziehung mit Gott Störungen. Unsere Bilder von Gott verändern sich. Doch wir hören auch immer wieder Jesus sagen: Vater! Wir hören den Klang des Vertrauens.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen; ich werde ihn nicht hinausstoßen!“

So können wir losgehen im Jahr 2022, losgehen auf gut Glück. Nehmen wir die 110 Stufen, auch wenn es viel Puste kostet, kommen wir unangekündigt und klingeln an der Tür, warten wir gespannt… Wenn es die Tür Jesu ist, wenn es der Raum Gottes ist, dann wird geöffnet werden. Dann wird Leben sein.

Amen. Wahrlich so soll es sein.