Gedanken zum Predigttext von Pfr. Oliver Matri

Predigttext
Jesaja 61,1-3.10.11
Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden „Bäume der Gerechtigkeit“, „Pflanzung des Herrn“, ihm zum Preise.
Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der Herr Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.
Gedanken zum Predigttext
Liebe Leserinnen und Leser,
der heutige Sonntag trägt noch den Namen „nach dem Christfest“. Weihnachten ist also noch nicht ganz vorbei. Auch wenn die Lichter vielleicht schon abgebaut sind, der Baum nadelt oder längst entsorgt ist und der Alltag uns wieder mit voller Wucht eingeholt hat – dieser Sonntag lädt uns ein, noch einmal innezuhalten. Noch einmal festzuhalten, was wir von Weihnachten mitnehmen wollen in unseren Alltag. Was bleibt, wenn der Zauber der Heiligen Nacht verblasst? Wenn der Alltag wieder losgeht. Wenn Nachrichten von Katastrophen und Kriegshandlungen auf uns einprasseln, wenn Sabotageakte unsere unmittelbare Nachbarschaft erreichen, wie gestern Morgen?
Beim Hören der heutigen Lesungen merken wir: Es geht mit Riesenschritten voran. Eben noch lag das Kind in der Krippe. Und schon hören wir im Evangelium von Jesus als Zwölfjährigem im Tempel – und noch ein Meilenstein aus Jesu Leben klingt heute an: Der Predigttext aus Jesaja, diese Prophezeiung liest Jesus in der Synagoge in Nazareth vor, als er Anfang dreißig ist. So weiß Lukas es zu erzählen. Weihnachten liegt da schon Jahrzehnte zurück. Und doch: Das, was damals begonnen hat, ist noch längst nicht abgeschlossen.
Schauen wir zuerst auf den Text aus Jesaja. Genauer gesagt: auf Worte aus der Zeit des sogenannten Tritojesaja, des dritten Abschnitts im Jesajabuch. Er stammt aus einer ganz bestimmten historischen Situation. Es ist die nachexilische Zeit. Das Volk Israel ist aus dem babylonischen Exil zurückgekehrt. Erst war da Aufbruchsstimmung. Hoffnung auf einen Neubeginn. Wille zur Veränderung. Aber die große Erlösung, die man sich erhofft hatte, ist ausgeblieben. Jerusalem steht unter Fremdherrschaft, das Land ist arm. Der Tempel ist zwar wieder aufgebaut, aber der frühere Glanz ist fern. Dazu kommt der Einfluss der griechischen Kultur, der vieles infrage stellt: religiöse Gewissheiten, kulturelle Identität, das Selbstverständnis des Volkes.
Hinter den Worten Jesajas können wir das erahnen: Es herrschte Perspektivlosigkeit, Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit. Ernüchterung statt Begeisterung. Die große Wende ist ausgeblieben. Und genau in diese Stimmung hinein erklingen die Worte:
„Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen.“
Worte von Trost und von Erlösung. Worte von einem Gott, der sich nicht damit abfindet, dass alles so bleibt, wie es ist.
Jahrhunderte später spricht Jesus genau diese Prophezeiung in einen anderen Alltag hinein. Lukas erzählt davon: Jesus geht an einem Sabbat in die Synagoge seiner Heimatstadt, und die vorgesehene Lesung ist just dieser Text. Das Ganze geschieht nicht in einem religiösen Zentrum, keinem Ort der Macht. Sondern in in Nazareth – man könnte sagen: einem staubigen Kaff am Rand des römischen Imperiums. Und Jesus sagt nach dem Vorlesen nur einen Satz: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Augen.“ Das ist ein ungeheurer Anspruch. Jesus sagt: Das, wovon Jesaja gesprochen hat, beginnt jetzt. Mit mir. Hier.
Das sind die Konsequenzen von Weihnachten. Weihnachten ist nicht nur eine schöne Erinnerung, nicht nur ein Gefühl von Geborgenheit. Mit der Geburt Jesu hat Gott angefangen, diese Verheißung Wirklichkeit werden zu lassen. Zerbrochene Herzen werden verbunden, Gefangene werden frei, Zerschlagene bekommen neue Würde. Nicht alles auf einmal, nicht fertig, aber wirklich.
Wir sehen das im Leben Jesu selbst: Er befreit Menschen – manchmal ganz konkret von Krankheit oder Ausgrenzung, manchmal innerlich von Angst und Schuld.
Und diese Verheißung wird auch heute Wirklichkeit. Vielleicht nicht in ihrer ganzen Fülle – aber wer genau hinschaut, sieht Anfänge davon.
Ein paar Beispiele: Ich denke etwa an ein Gefängnis in den USA, in dem Häftlinge nach der Regel der Benediktiner leben: mit Gebet, Arbeit, Gemeinschaft. Sie bleiben Gefangene – und doch erfahren sie eine innere Freiheit, die ihr Leben verändert. Oder ich denke an Erfahrungen aus den Einkehrtagen, die ich letzte Woche begleiten durfte: Viele junge Erwachsene erlebten Versöhnung mit anderen, mit sich, mit Gott. Zerbrochene Herzen werden verbunden. Andere fanden neue Freiheit für einengende Beziehungen, oder für Lebensentscheidungen. Gebundene erfahren neue Freiheit! Wieder andere fanden aus der Trostlosigkeit in den Trost. „Freudenöl statt Trauer“ hatte Jesaja das genannt.
Kleine Anfänge von einer großen Hoffnung, die Jesaja formuliert hat. Die Hoffnung darauf, dass Gott die Welt umkrempelt: dass Gott „Gerechtigkeit aufgehen“ lässt, wie „Same im Garten aufgeht.“
Und doch gibt es ein Risiko für diese Hoffnung – genauso wie für die Hoffnung von Weihnachten. Nämlich, sie auf eine ferne Zukunft zu verschieben. Irgendwann, später, bei Gott, da wird alles gut. Und hier? Hier bleibt eben alles, wie es ist. Wenn wir so denken, dann geht diese Hoffnung im Alltag verloren. Sie wird leise, blass und schließlich vergessen. Oder sie wird begraben unter den Hiobsbotschaften, den Nachrichten von Kriegen, Katastrophen, und Sabotageakten.
Vielleicht ist es besser, Gott zu fragen: Wo fangen wir an? Die „ewige Freude“, von der Jesaja spricht, ist noch nicht voll da – die wird wohl erst bei Gott sein. Aber es gibt einen Vorgeschmack. Einen Anfang. Denn mit Jesu Geburt hat Gott bereits angefangen. Weihnachten ist Gottes Ja zu dieser Welt. Gottes Entscheidung, mittendrin zu sein. Zerbrochene Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen...
Darum: Halten wir die Erinnerung daran wach. Nicht als Nostalgie, sondern als Hoffnungskraft. Nehmen wir etwas von Weihnachten mit in den Alltag: den Mut, hinzusehen; die Bereitschaft, zu trösten. Und vor allem die Hoffnung, dass mit Gott Veränderung möglich ist, wenn Menschen sich ihm öffnen. Und vertrauen wir darauf, dass Gott auch heute noch spricht: „Siehe, ich mache alles neu.“
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.
Mit herzlichen Grüßen, Pfarrer Oliver Matri
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